Die Psychose aus gestalttherapie-theoretischer Sicht


Abstract/Kurzfassung zum Vortrag von

Hans Peter BILEK

Psychiater und Psychotherapeut (Integrative Gestalttherapie) in Wien


In diesem Vortrag wird eine neue Sicht der Psychose vorgestellt.

Psychotische Phänomene werden dabei weniger als Ausdruck von etwas Pathologischem gesehen, als vielmehr unter dem Gesichtspunkt der Dysfunktionalität betrachtet. Ausgehend von gestalttheoretischen Überlegungen und neuen Erkenntnissen aus der Semiotik wird die Psychose phänomenologisch-funktionell gedeutet und als Ausdruck einer Orientierungsdekompensation beschrieben. Der Fokus der Überlegungen liegt dabei auf den Bereichen Realitätsbezug, Wahrnehmung und Nahrungsversorgung. Beziehung wird mit Nahrung gleichgesetzt und als vierte Nahrungsqualität bezeichnet.

Die in der Semiotik postulierte Funktion der Psyche, sie sei ein Werkzeug, welches postpartal gleichsam in einem Schöpfungsakt die relevante Umwelt erschafft, wird unter gestalttheoretischen Gesichtspunken gesehen. Zeichen- oder Gestaltwahrnehmung - in diesem Bezugsrahmen gleichgesetzt - wird als unabdingbare Voraussetzung für das Überleben gesehen; lebensbedrohliche Einengungssituationen (Impasse-Situationen) werden ganz allgemein als die maßgeblichen Auslöser für eine psychotische Reaktion eingestuft.

Betrachten wir die klinischen Bilder von Neurose und Psychose, so wird unmittelbar klar, daß hier grundsätzlich unterschiedliche Mechanismen die Störung auslösen müssen. Der Vortrag begründet die Auffassung, daß aus der Sicht der Gestalttherapie das Wesen der Psychose der 'Gestaltzerfall' ist, die zunehmende Schwäche, überhaupt Gestalten bilden zu können.

Dabei wird auf gestalttheoretische wie auch auf Erkenntnisse der Semiotik zurückgegriffen: UEXKÜLL betont in seiner Erweiterung des 'Funktionskreises' zum 'Situationskreis', daß auch der Mensch mit seiner jeweiligen Umwelt durch 'Bedeutungserteilung' und 'Bedeutungsverwertung' verbunden ist. Das Zeichen ist dabei das relevante Orientierungsmedium, welches das Individuum braucht, um sich am Leben zu erhalten.

Es wird nun - anknüpfend an Erkenntnisse der Semiotik - das Postulat vertreten, daß der Mensch in der besonders anfälligen Lebensphase des ersten Lebensjahres in einem kreativen Prozeß sein individuelles Bild der Umwelt schafft, in der Weise, daß es einen sinnvollen Kontext ergibt, und daß es die Gestaltwahrnehmung (im Sinne der Semiotik die Zeichenwahrnehmung) ist, die es uns ermöglicht, schnell und zweifelsfrei diese Orientierung zu erreichen. Eine fehlende Gestalt-Wahrnehmung ist mit dem Leben nicht vereinbar, da diese die Orientierung darstellt.

Ausgehend von den zahlreichen Befunden, daß bei Menschen, die im späteren Lebensalter psychotisch werden, eine frühe Störung existiert, wird diese neu in dem Sinn gedeutet, daß das Individuum nicht imstande war, seinen psychischen Apparat entsprechend aufzubauen; eine Wahrnehmungsstörung ist die Folge. Analog zur Körpermedizin hat dieser Apparat Organstellenwert und ist damit auch erschöpfbar; das Individuum kann diesen Mangel lange kompensieren, aber es kann - in belastenden Situationen - ebenso dekompensieren. Dies kann insbesondere dann geschehen, wenn es hinsichtlich der Versorgung mit der 'vierten Nahrungsquelle' (der liebevollen Zuwendung und Beziehung) zu einer Impasse-Situation kommt.

Die psychotische Krise hat dieser Auffassung zufolge die zwei Voraussetzungen:

1. daß die Entwicklung des Apparats (der Psyche), der die Fähigkeit zur Zeichenbildung enthält, gestört war, und
2. die aktuelle Lebenssituation das Individuum in Bezug auf seine Ernährungssituation dekompensieren läßt (wobei hier die 'vierte Nahrungsqualität' gemeint ist, die liebevolle Zuwendung und Beziehung).

In therapeutischer Hinsicht ist aus dieser Sichtweise die Fokussierung auf die Wahrnehmung (des Therapeuten) auf die Wahrnehmung (des Patienten) von entscheidender Bedeutung. Die therapeutische Bemühung muß sich auf das Erkennen des teleologischen Aspekts des Wahnbildes - wozu dient das Geschehen, was wird im Wahn verkannt, was ist das ursprüngliche (Nahrungs-)Bedürfnis - richten. Die Gestaltwahrnehmung ist daher auch für den Therapeuten absolute Orientierungshilfe, denn im Erkennen der 'Gestalt' liegt das Erkennen der Bedeutung, im Erkennen der Bedeutung kann auf das inhärente Bedürfnis geschlossen werden. Erst wenn letzteres bekannt ist, ergibt sich die grundsätzliche Möglichkeit einer Korrektur.


Bitte beachten Sie, daß es sich hier um eine provisorische Kurzfassung handelt.

Beachten Sie dazu die Neuerscheinung:

Gerhard Stemberger (Hrsg.):

Psychische Störungen im Ich-Welt-Verhältnis

Gestalttheorie und psychotherapeutische Krankheitslehre

Wien 2002: Verlag Wolfgang Krammer
184 Seiten, Preis € 21,80 zuzügl. Versandkosten

Dieser Sammelband enthält einige frühe gestaltpsychologische Arbeiten zur Psychopathologie (Schulte/Wertheimer zur Paranoia 1924, Erwin Levy zur Manie 1936 und zur Schizophrenie 1943), z.T. erstmals in deutscher Übersetzung, und neue Diskussions- und Übersichtsbeiträge deutscher, österreichischer und amerikanischer PsychotherapeutInnen und Psychiater zur Aktualität dieser Ansätze für eine psychotherapeutische Krankheitslehre.

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