Wien (APA) - Die Psychotherapie auf Krankenschein gibt es laut Gesetz bereits
seit Jänner 1992. Uneinigkeit zwischen dem Hauptverband der Sozialversicherungsträger
und dem Österreichischen Bundesverband für Psychotherapie (ÖBVP)
führten allerdings dazu, dass das Gesetz - bis jetzt - nicht umgesetzt wurde.
Jetzt gab es eine Einigung. Voraussichtlich ab 1. Juli soll die Behandlung - zumindest
teilweise - von den Kassen bezahlt werden, sagte heute, Montag, ÖBVP-Präsident
Alfred Pritz bei einer Pressekonferenz in Wien.
Einer der Hauptstreitpunkte waren die vom Hauptverband geforderten Zugangskriterien
für Therapeuten. Nun habe man einen Kompromiss gefunden, erklärte die
Leiterin der Kassenverhandlungen, Jutta Fiegl. Nachsatz: "Wir sind mit den
Anforderungen der Versicherungsträger nach wie vor nicht glücklich."
Im Sinne der Patienten habe man sich aber entschlossen, die härteren Kriterien,
die nicht von allen Psychotherapeuten in Österreich erfüllt werden, zu
akzeptieren. In der Bundeskonferenz des ÖBVP am vergangenen Samstag haben 71
Prozent der Stimmberechtigten den Vertrag gebilligt.
In der ersten Phase wird es laut Pritz 415 Kassenstellen im ganzen Bundesgebiet
geben. Die übrigen Psychotherapeuten werden, sofern sie die Kriterien des Hauptverbands
erfüllen, Wahltherapeuten sein. Bei diesen refundieren die Kassen pro 50-Minuten-Sitzung
520 Schilling. Den Rest muss der Patient bezahlen. "Die Wahltherapeuten haben
eine freie Honorargestaltung. Die Empfehlung von uns liegt zwischen 700 und 1.200
Schilling für 50 Minuten." Die Kassentherapeuten erhalten für ihre
Behandlung pro Sitzung 650 Schilling.
Begrüßt wurde die Einigung zwischen Therapeuten und Hauptverband auch
in der Politik: Die jetzt erzielte Vereinbarung sei Grundlage dafür, dass Menschen,
die eine Psychotherapie benötigten, eine solche auch bekommen, erklärte
der Wiener Gesundheitsstadtrat Sepp Rieder in einer Aussendung.
Zum von der neuen Regierung geplanten Selbstbehalt bei Arztbesuchen meinte Pritz,
dieser richte sich gegen die Patienten. "Sie sind es, die darunter leiden.
Es soll doch so sein, dass man, wenn man krank ist, zum Arzt gehen kann und nicht,
dass man dafür bestraft wird." Bei Psychotherapiepatienten sei oft eine
längere Behandlung notwendig. Durch den Selbstbehalt könne das ziemlich
teuer werden, so Pritz. "Wir schlagen deshalb eine moderate Erhöhung der
Beiträge vor, da diese für den Einzelnen kaum spürbar ist."
Für die neue Regierung hatte Pritz aber auch in anderer Beziehung ein paar
Tipps: "Wir haben sehr viel Kontakt mit Menschen, denen solche Entwicklungen,
wie sie derzeit in Österreich stattfinden, Angst machen. Es wäre sehr
wichtig, dass die Regierung Verständnis für die Gegnerschaft und die dahinter
liegenden Ängste aufbringt", so der ÖBVP-Präsident. Mit Schuldzuweisungen
würden keine Probleme gelöst, nur mit dem Gespräch und dem Zuhören.
Zu den Reaktionen in Europa meinte Pritz, dass "der Aufschrei eine Folge der
Traumatisierung ist, die es in der Hitlerzeit auf diesem Kontinent gegeben hat".
Die Regierung müsste das so verstehen und "die Erklärungen nicht
als Überreaktion abtun".
Wien (APA) - Wieder Warten der Patienten auf einen Kassenvertrag bezüglich
der Behandlung beim Psychotherapeuten. Bei einer Abstimmung unter den Therapeuten
innerhalb des Österreichischen Berufsverbandes für Psychotherapie (ÖBVP)
am Samstag verweigerten 18 von 33 Delegierten ihre Zustimmung zu dem Angebot des
Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger.
"Das bedeutet, dass die notwendige Zwei-Drittel-Mehrheit um eine Stimme verfehlt
wurde", erklärte dazu ÖBVP-Präsident Dr. Alfred Pritz am Montag
gegenüber der APA. "Heute (Montag, Anm.) Nachmittag gibt es ein weiteres
Gespräch mit dem Hauptverband. Am 12. Februar soll es eine weitere Abstimmung
geben", fügte Pritz hinzu. Am Wochenende hatte eine "Vereinigung
der Vertrags- und Wahlpsychotherapeuten" in einer Aussendung erklärt,
man wäre bereit, sofort Verträge mit den sozialen Krankenkassen abzuschließen.
"Die Chance, Psychotherapie als wissenschaftliche Heilmethode in die gesellschaftliche
Gemeinschaft zu etablieren, darf nicht verpasst werden", hieß es in der
Aussendung. Pritz betonte, dass der genannte Berufsverband innerhalb des ÖBVP
stehe. Wenn die weitere Abstimmung zu keiner Zustimmung führe, wäre der
Weg frei für Aktivitäten, wie zum Beispiel jener der Vereinigung der Vertrags-
und Wahlpsychotherapeuten.
Über den Kassenvertrag wird seit mehr als sieben Jahren diskutiert. Der Hauptverband
der Sozialversicherungsträger erwartet, dass pro Jahr rund 50.000 Kassenpatienten
auf Krankenschein behandelt werden dürften. Das würde einen Aufwand laut
dem bisherigen Angebot von rund 700 Millionen Schilling bedeuten.
Kritik an dem ausverhandelten Vertrag rührte sich unter den Psychotherapeuten
- in allen Verhandlungsphasen - am Honorar sowie an den Ausbildungs und Praxisvoraussetzungen
("Zulassungsqualifikationskriterien"), von denen der Hauptverband die
Erteilung eines Kassenvertrages abhängig macht.
ww/wh
(APA) Wien 23-1-2000 - Bei den Verhandlungen zwischen dem Österreichischen
Berufsverband für Psychotherapie (ÖBVP) und dem Hauptverband der Sozialversicherungsträger
ist am Samstag eine Einigung gescheitert. Daher formieren sich nun die Psychotherapeuten
zu einem neuen Berufsverband, hieß es heute, Sonntag, in einer Aussendung
der Vereinigung der Vertrags- und Wahlpsychotherapeuten.
"Die Chance, Psychotherapie als eine wissenschaftliche Heilmethode in die gesellschaftliche
Gemeinschaft zu etablieren, darf nicht verpasst werden", so das Statement des
Verbandes. "Ebenso wie die freie Arztwahl, muss es dem gesellschaftlichen Mitglied
möglich sein, eine freie Psychotherapeutenwahl zu treffen."
Die Vereinigung der Vertrags- und Wahlpsychotherapeuten Österreichs sei sofort
bereit, den anstehenden Vertragsabschluss mit dem Hauptverband der Sozialversicherungsträger
anzunehmen und diese Vereinbarung österreichweit zum tragen zu bringen. Ein
entsprechendes Angebot werde dem Hauptverband der Sozialversicherungsträger
unterbreitet. (APA)