Oskar Frischenschlager
ao. Univ. Prof. Dr. phil.
Institut für Medizinische Psychologie der UNI-Wien
Vorstand: Univ. Prof. Dr. Gernot Sonneck
Severingasse 9
1090-WIEN
Tel.: (+43 1) 4277 656 20
Fax: (+43 1) 4277 9 656
e-mail: oskar.frischenschlager@univie.ac.at
Eva Kriechbaum-Tritthart
DSA, Prof.
Akademie für Sozialarbeit des
Landes Steiermark
Körblergasse 106
8010-Graz
Tel.: (+43 316) 38 64 90-15
Fax: (+43 316) 38 64 90-19
e-mail: eva.kriechbaum@stmk.gv.at



An die Mitglieder des "kleinen Kassenverhandlungsteams"
Mag. Gertrud Baumgartner
Edwin Benko
Dr. Jutta Fiegl,
Hon. Prof. Dr. Alfred Pritz
Dr. Elisabeth Sprinz

Liebe Kolleginnen und Kollegen!

Angesichts der "Psychotherapie News" vom August d. J. können wir nicht umhin, zu den laufenden Kassenverhandlungen mit A) einigen Einwänden und B) Alternativüberlegungen Stellung zu nehmen. Wir haben große Sorge, daß durch die in der Aussendung genannten "ausverhandelten" Zugangskriterien die an sich schon schwierige Situation unseres Berufsstandes eine dramatische Verschlechterung erfährt. Dabei haben wir jedoch großen Respekt vor der äußerst schwierigen Aufgabe der ökonomischen Verankerung eines neuen Berufsstandes im Gesundheitssystem, das an sich schon wegen der ständig verzögerten dringenden Reformen unter Hochspannung steht. Verstehen Sie/versteht daher bitte die folgende Stellungnahme nicht als persönliche Kritik an Ihrem/Eurem Bemühen um eine Gesamtvertragslösung.

Zu A)
Die gegenwärtige Situation unseres Berufsstandes ist durch eine Reihe von Benachteiligungen gekennzeichnet.
· Wir PsychotherapeutInnen sind die einzige Berufsgruppe, die extrem hohe Ausbildungskosten privat finanziert, um dann die erworbene Kompetenz dem öffentlichen Gesundheitssystem zur Verfügung zu stellen.
· Im Gegensatz zu anderen Berufen (Ärzte, Anwälte, Richter, Notare, Lehrer) sind für die, zur Erlangung der beruflichen Eigenberechtigung vorgeschriebenen Praxiserfahrungen keine bezahlten Stellen vorgesehen.
Diese Situation ist Zeichen einer geringen Wertschätzung gegenüber unserem Beruf, die sogar noch verstärkt wird, wenn z.B. Personen mit abgeschlossener Berufsausbildung oder AbsolventInnen eines akademischen Studiums zum Unterschied von den o.g. Berufen ihre Praxiserfahrung als unbezahlte PraktikantInnen absolvieren müssen.

Die in den "Psychotherapie News" angeführten Verhandlungseckdaten würden zu einer weiteren drastischen Verschlechterung dieser Situation führen. Man muß sich darüber im Klaren sein, daß allein das Zugangskriterium "Behandlungserfahrung mit Psychotikern sowie Suchtkranken im Umfang von zumindest 450 Stunden vollberuflicher Tätigkeit" vom Gros der Psychotherapeuten, so sie nicht als Psychiater tätig sind nicht zu erbringen ist. Dieses Zugangskriterium entspricht darüber hinaus in keiner Weise dem psychotherapeutischen Klientel, allein schon deshalb, weil die genannten Diagnosegruppen im überwiegenden Ausmaß nur einer institutionellen Versorgung zugänglich sind. Sowohl diese als auch die hier nicht angeführten Zugangskriterien sind weder rechtlich noch sachlich fundiert. Sie dienen ausschließlich der drastischen Reduzierung der von den Kassen zu finanzierenden Behandlungen.
Wird dieses Zugangskriterium angenommen, dann hat der ÖBVP allein dadurch mehr als 70% seiner Mitglieder wegverhandelt und ihre berufliche Existenz gefährdet. Denn es müssen sich alle im Klaren darüber sein, daß dieselben Kriterien selbstverständlich auch für WahlpsychotherapeutInnen gelten werden.

Zu all diesen Fragen hat Dr. Gerhard Stemberger am 15. 8. eine detaillierte und enorm kompetente Stellungnahme verfaßt und Ihnen/Euch zugesandt. Wir schließen uns seinen Bedenken völlig an, insbesondere auch in Bezug auf die Ihnen/Euch formulierte Situationsdefinition, die sinngemäß lautet: "wenn Ihr das nicht annehmt, bekommt Ihr gar nichts". Wir empfehlen sehr, ihn als offensichtlich bestens ausgewiesenen Experten ins Verhandlungsteam einzuladen. DDr. Dieter Zabransky hat in einem Schreiben an die Fachspezifika bereits im Juli auf die negativen Folgen für die Ausbildungseinrichtungen hingewiesen. Auch seinen Bedenken stimmen wir nach eingehender Auseinandersetzung mit der Situation zu.

Eine weitere Überlegung betrifft die finanzielle Seite der Verhandlungen. Ebenfalls im August wurden in der Zeitschrift "Psychotherapeut" die Ergebnisse einer bundesweiten Umfrage zu den Auswirkungen der Honorarsituation niedergelassener Psychotherapeuten in Deutschland publiziert. N. Bowe berichtet unter dem Titel "Anhaltende Honorarmisere und ihre Folgen" von den individuellen sowie strukturellen Konsequenzen der schlechten Honorarsituation. Es werden weniger Fachbücher gekauft und gelesen, die Fortbildung wird eingeschränkt ebenso Eigentherapie und Supervision. Weiters verschlechtert sich die Praxisausstattung und notwendige Investitionen werden zurückgestellt. Insgesamt wird auf Kosten des Urlaubs mehr gearbeitet und ein nicht unbeträchtlicher Teil erwägt bzw. plant sogar die Praxisschließung wegen andauernder Unterfinanzierung. Ein Drittel bis über 50% der Befragten (abhängig vom Alter) würden in Kenntnis der finanziellen Situation sich nicht mehr in freier Praxis niederlassen. Daß dies strukturelle Folgen für das Gesundheitswesen hat und die Qualität der Arbeit verringert versteht sich von selbst und zeigt sich auch in den Umfrageergebnissen.

Wir meinen daher nach reiflichen Überlegungen, daß das zentrale Argument, wir sollten notfalls auch schlechte Gesamtvertragsbedingungen akzeptieren, um endlich in das öffentlich finanzierte Gesundheitswesen hineinzukommen, weil erst dann schrittweise Verbesserungen verhandelt werden können, keineswegs stichhaltig ist. Wie an der deutschen Situation ersichtlich, können sich Vertragsbedingungen durchaus auch verschlechtern und wir sollten nicht unsere zukünftige Berufssituation auf Hoffnungen und Vermutungen aufbauen.

Wir bitten Sie/Euch daher dringend, unter den gegebenen Umständen die Verhandlungen nicht zum Abschluß zu bringen, sondern die Konsequenzen noch einmal gründlich zu prüfen; auch, um erneuten Spaltungstendenzen vorzubeugen, die unsere Berufsvertretung wieder erheblich beeinträchtigen würden.


Zu B)
Im Grunde ist die Forderung, Psychotherapeuten sollten auch in traditionell eher psychiatrischen Arbeitsfeldern kompetent sein, nicht verfehlt. Denn selbstverständlich ist es wünschenswert, wenn zwischen den Berufsfeldern Psychiatrie und Psychotherapie, die sich naturgemäß in hohem Maß überschneiden, optimal kommuniziert werden kann. Es wäre daher im Sinne der Patientenversorgung grundsätzlich zielführend, durch (verpflichtende) Fortbildung die Verbindung zu Psychiatrie und auch zu anderen Sparten der Medizin zu intensivieren. Die standespolitischen Auseinandersetzungen haben diese Entwicklungen zweifellos verzögert. Wir sind seit Jahren der Ansicht, daß die vorhandenen und naturgemäß begrenzten Energien primär in derartige Entwicklungsaufgaben, die der Kompetenz, der Seriosität und damit dem Image unseres jungen Berufes dienen investiert werden sollten. Die Initiative muß aber von uns bzw. dem Berufsverband kommen, sie darf uns nicht in Verhandlungen aufgezwungen werden, die ganz andere Ziele verfolgen.

Mit freundlichen kollegialen Grüßen



Wien und Graz, 22. 8. 1999


Kopie geht an alle Fachspezifika, Ländervorsitzenden, Propädeutika, BUKO-Delegierten und alle uns bekannten KollegInnen.

Beilage: Bowe N. (1999): Anhaltende Honorarmisere und ihre Folgen. Psychotherapeut 4/99, 251-256.


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