DR. PETER JONAS PSYCHOTHERAPEUT (IG) KLINISCHER PSYCHOLOGE
12.12.1999
Offener Brief an die BUKO-Delegierten
Sehr geehrte Damen und Herren, liebe KollegInnen!
Ich schreibe Ihnen, weil in der Diskussion um den Kassenvertrag der falsche Eindruck
entstanden ist, daß die Befürworter einer Annahme in erster Linie aus
der Führungsebene des ÖBVP kommen und die Gegner aus der Basis. Das mag
daran liegen, daß dort, wo eine Sache ohnehin vom Vorstand vertreten wird,
sich einfache Mitglieder nicht zusätzlich zu Wort melden. Wie dem auch sei,
viele hoffen, daß es bei einer weiteren Ablehnung statt der großen Lösung
Vereinslösungen geben wird, die bessere Konditionen bieten. Nach der Bekanntgabe
des heurigen Kassendefizits ist allerdings kaum mehr zu erwarten. Die Tendenz geht
eher dahin, daß die Kassen froh sein werden, sich aus den Verhandlungen verabschieden
zu können, ohne in der Öffentlichkeit dafür die Verantwortung zu
tragen. Was dann zu erwarten ist, ist mit allergrößter Sicherheit eine
Verhandlungspause mit open end, da die Bewältigung des Defizits Neuverhandlungen
praktisch ausschließt. Politisch werden von den Kassen wohl Vorschläge
zur Einsparung erwartet werden und keine neuen Kosten. Das Argument der gesetzlich
vorgeschriebenen flächendeckenden Versorgung wird schlichtweg untergehen, so
wie es in den letzten Jahren untergegangen ist. Der Punkt, auf den alles hinausläuft,
ist ob der im Jänner vorliegende Entwurf der unter diesen Umständen bestmögliche
ist oder ob es noch etwas auszureizen gibt. Und dann anschließend die simple
Frage, ob das Ergebnis besser als der Status quo ist. Meine Meinung dazu ist mittlerweile
eindeutig: Auch wenn in den Nachverhandlungen wenig neues erreicht wird, sollten
wir den Vertrag nehmen. Das beste ist bekanntlich der größte Feind des
Guten. Aus Prinzipientreue oder Selbstüberschätzung den Entwurf abzulehnen,
wäre ein fataler Fundamentalismus. Eine Haltung, die leider in der Vergangenheit
schon viel Schaden in der Psychotherapie angerichtet hat.
Ich sitze nicht selbst in der BUKO, sondern Sie sitzen dort als meine Repräsentanten.
Ich fordere Sie also auf, in meinen Namen für die Annahme des Vertrages zu
stimmen.
Mit freundlichen Grüßen
Dr. Peter Jonas
Praxis: Aubergstr. 42
A-4040 Linz
Tel.: 0732/732 605
Sehr geehrter Herr Dr. Jonas!
Mit Interesse habe ich Ihren Offenen Brief vom 12.12.99 an die BUKO-Delegierten
auf der Homepage des ÖBVP gelesen. In der ganzen Diskussion um den Entwurf
zum Gesamtvertrag ist es sehr schwierig, Argumente für die Annahme des Entwurfes
zu finden, was Ihren Brief lesenswert macht. Bislang habe ich abgesehen von nicht
sehr glaubwürdigen Power-Talk-Argumenten wie Zukunftssicherung für die
nachfolgenden KollegInnen und Qualitätssicherung von seiten der Befürworter
nur gehört, welche Argumente gegen den Vertrag sprechen und warum sie nichts
gelten sollen. Ich stimme Ihnen in jedem Fall zu, dass es gilt, den bestmöglichen
Vertrag auszuverhandeln, wenn es denn einer sein muss.
Es freut mich für die Befürworter, dass sie sich nicht zu Wort melden
brauchen, weil ihre Argumente vom ÖBVP-Vorstand vertreten werden. Dazu ist
eine Berufsvertretung ja schließlich auch da. In dieser Lage wäre ich
mit meinen Bedenken aber auch gerne. Dann müsste ich mich nicht hinter den
Computer klemmen, sondern könnte mich auch zufrieden zurücklehnen und
applaudieren.
Es gibt aber auch Punkte in Ihrem Schreiben, die mich angesichts der möglichen
Zukunft der Psychotherapie in Österreich sehr schmerzen. Ihr Schreiben erweckt
den Eindruck, dass es den Psychotherapeuten vorerst um eine gute eigene Versorgung
durch ein bestmögliches Einkommen von den Sozialversicherungsträgern geht.
Dort wäre augenblicklich nicht mehr zu holen, also sollten wir den Vertrag
annehmen. Eine Argumentation, die auffällig derjenigen von Herrn Dr. Probst
aus dem Hauptverband ähnelt, wo er sich für die quasi Pragmatisierung
der Psychotherapeuten berechtigt nicht zuständig erklärt hat.
Psychotherapie ist eine hochqualifizierte und effiziente Leistung, die als Angebot
auch entsprechend honoriert werden muss, nicht bloß finanziell und in einem
Versorgungsdenken. Zudem wäre es keine gesellschaftliche Anerkennung, würde
die Psychotherapie mehr als hundert Jahre nach Freuds Traumdeutung nur bekommen,
was zufällig gerade noch im Topf verblieben und vorhanden ist (nachdem immer
mehr für Medikamente beansprucht und selbstverständlich ausgegeben wird).
In der ganzen Verhandlung um den Gesamtvertrag geht es nur vordergründig darum,
wer in das Kassenleistungssystem hineinkommt und was er dort bekommt. Langfristig
geht es auch um die Frage, was nach den Verhandlungen die Psychotherapie in Zukunft
in Österreich für Rolle spielen, was sie uns wert und den leidenden PatientInnenen
noch von Nutzen sein wird.
Es steht leider zu befürchten, dass unter den gegenwärtig ausverhandelten
Vertragsbedingungen nur Psychotherapeuten annehmen werden, die es brauchen und um
die ausgeschaltete Konkurrenz froh sind. Viele PsychotherapeutInnen werden sich
das nicht geben und wieder nur um teures Geld zu haben sein. Langfristige Psychotherapien
andererseits müssen sich die PatientInnen wieder selber zahlen, was schon jetzt
unter den gegenwärtigen Bedingungen der Zuschussleistungen schon schwer genug
ist, wo es offiziell noch gar keine Stundenbegrenzung gibt.
Nicht zuletzt sollte Psychotherapie ein Leistungsangebot darstellen, welches Ausgaben
der Sozialversicherungsträger reduzieren helfen soll, was Sie leider nicht
erwähnen. Zwei Beispiele darf ich Ihnen hier nur nennen: Die Psychotherapie
von Somatoformen Störungen hilft den PatientInnen in vielen Fällen, aus
einem anfangs nützlichen, dann aber sinnlos gewordenen Kreis von medizinischen
Untersuchungen und Behandlungen herauszukommen und ihren in Symptomen verpackten
Beschwerden mehr Gehör zu verschaffen. Zum anderen hilft Psychotherapie sowohl
bei Akuten wie auch bei Posttraumatischen Belastungsstörungen, Spätfolgen
zu vermeiden oder wieder zu beheben. Dabei kann ich es mir sogar den Luxus leisten,
die Erfolge bei eher "klassischen" psychischen Krankheiten wie Ängsten,
Zwängen und Depressionen wegen der bekannten Erfolge gar nicht einmal besonders
zu erwähnen.
Dass KollegInnen Ihrer Meinung nach sich selber überschätzen und aus Prinzipientreue
der Psychotherapie Schaden zufügen, würde mich näher interessieren.
Bislang war ich der Meinung, dass KollegInnen ihren PatientInnen und der Psychotherapie
deswegen Schaden zugefügt hätten, weil sie sich aus Selbstüberschätzung
nicht mehr ihren Prinzipien, die sie in einer gut fundierten Ausbildung gelernt
und angeeignet haben, fügen und ihnen untreu geworden sind, siehe emotioneller
oder gar sexueller Missbrauch. Es kann doch nicht sein, das wir jetzt der Beliebigkeit
das Wort reden und uns in scheinbar unausweichliche, verdächtig ödipal
gefärbte und vorgebene, um nicht zu sagen fremdbestimmte Arbeitsbedingungen
fügen, während wir in ebendieser Arbeit unseren PatientInnen womöglich
weismachen wollen, dass sie krankmachende Bedingungen ihrer Umwelt aber selbstverständlich
verändern sollten. Das würde ein fürchterliches ethisches Dilemma
zur Folge haben. Auch PsychotherapeutInnen müssen dafür Sorge tragen,
dass sie unter günstigen, der diffizilen Arbeit entsprechenden Bedingungen
arbeiten können und sich nicht der Selbstausbeutung ausliefern.
Der durch die Verhandlungen um den Gesamtvertrag entstandene Riss wuer durch die
Psychotherapeute ist höchst bedauerlich. Divide et impera! Umso mehr sollten
wir im Gespräch miteinander bleiben und uns nicht mit Verdächtigungen
wie Selbstüberschätzung usw. gegenseitig zum eigenen Vorteil abwerten.
Mit freundlichen Grüssen
Mag. Dr. Christian Arnezeder
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