Wien (OTS) - Der Obmann der Wiener Gebietskrankenkasse Franz Bittner
informiere heute im Rahmen einer Pressekonferenz über den erfolgreichen
Vertragsabschluß über Psychotherapie auf Krankenschein für die Wiener
Bevölkerung. Gemeinsam mit den Vertreterinnen der Wiener Gesellschaft für
psychotherapeutische Versorgung und dem Verein für ambulante Psychotherapie
präsentierte er dieses neue Angebot, dass es den Patientinnen und Patienten
ermöglicht, ohne kostspielige Zuzahlungen Psychotherapie als Sachleistung in
Anspruch zu nehmen. Bittner: "Dieses Wiener Modell ist ein
gesundheitspolitischer Meilenstein und ein Beispiel für ganz Österreich.
Psychotherapie ist nun kein Privileg der Wohlhabenden mehr".
Hintergrund
Seit dem Inkrafttreten der 50. ASVG-Novelle ist die psychotherapeutische
Behandlung durch Personen, die zur selbständigen Ausübung der Psychotherapie
berechtigt sind, der ärztlichen Hilfe gleichgestellt. Die
psychotherapeutische Behandlung soll als Sachleistung zur Verfügung stehen.
Dazu hat der Gesetzgeber in erster Linie den Abschluss eines Gesamtvertrages
zwischen dem Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger
(HV) und dem österreichischen Bundesverband der Psychotherapeuten (ÖBVP)
vorgesehen.
Dementsprechend wurden seit dem Jahr 1992 Verhandlungen zwischen dem HV und
dem ÖBVP geführt, welche jedoch trotz intensiver Bemühungen zu keinem
Abschluss geführt werden konnten. Um dem Auftrag des Gesetzgebers nach
Aufbau einer Sachleistungsversorgung dennoch zu entsprechen, mussten nun die
einzelnen Krankenversicherungsträger ihrerseits darangehen, alternative
Strukturen zu finden, mit deren Hilfe den Versicherten Psychotherapie auf
Krankenschein angeboten werden kann.
Wiener Vereinslösung
Um diesem wichtigen gesundheitspolitischen Auftrag nachzukommen hat die WGKK
zwei Verträge mit Vereinen - dem "Verein für ambulante Psychotherapie" und
der "Wiener Gesellschaft für psychotherapeutische Versorgung" -
abgeschlossen, die per 1.Dezember 2000 bzw. per 1.Jänner 2001 in Kraft
getreten sind. Beide Verträge wurden kürzlich vom Vorstand der WGKK
einstimmig bestätigt und sind damit rechtsgültig.
Psychotherapie als Sachleistung
Auf Basis dieser Verträge kann den Versicherten Psychotherapie auf
Krankenschein als Sachleistung ohne Selbstbehalt zur Verfügung gestellt
werden. Damit konnte für die Versicherten eine sozial verträglichere Lösung
gefunden werden als durch den Abschluss eines Gesamtvertrages. Denn seit die
neue Bundesregierung das Sozialrechtsänderungsgesetz 2000 in Kraft gesetzt
hat, hätte bei Vorliegen eines Gesamtvertrages über Psychotherapie ein
20-prozentiger Patientenselbstbehalt eingehoben werden müssen. Durch die von
der WGKK gemeinsam mit ihren Vertragspartnern getroffenen Lösung konnte
somit vor allem sozial Schwachen Patienten eine finanzielle Zugangsbarriere
erspart werden.
Bedarfsgerechtes Angebot
In den neuen Verträgen ist ein Therapieangebot im Ausmaß von 70.000 Stunden
aufsteigend auf 90.000 Stunden vorgesehen. Neben diesem neuen Angebot
bleiben natürlich die in Wien bereits bestehenden Möglichkeiten für
Psychotherapie auf Krankenschein voll aufrecht. Dazu zählt die
Psychotherapie in den eigenen Einrichtungen der Wiener Gebietskrankenkasse,
die Psychotherapie durch Vertragsärzte und in Spitalsambulanzen
(Anton-Proksch-Institut, Heilpädagogische Ambulanz Hinterbrühl sowie
Ambulanzen der Wiener städtischen Spitäler und der Universitätskliniken des
AKH) sowie die Psychotherapie für bestimmte Patienten- und
Indikationsgruppen durch spezialisierte Vertragseinrichtungen
(Kriseninterventionszentrum, Kuratorium für psychosoziale Dienste Wien,
Kinderschutzzentrum Wien, Verein Wiener Sozialdienste, Multiple Sklerose
Gesellschaft, etc.).
Ab dem Jahr 2001 wird den Wiener Versicherten ein Psychotheraieangebot im
Umfang von rund 150.000 Stunden durch die Wiener Gebietskrankenkasse im Wege
des Sachleistungsprinzips zur Verfügung stehen. Dieses Stundenausmaß
entspricht dem wissenschaftlich ermittelten Bedarf der Wiener Bevölkerung.
Gerechte regionale Verteilung
Das vom Verein für ambulante Psychotherapie und der Wiener Gesellschaft für
psychotherapeutische Versorgung vorgehaltene Therapieangebot wird -
entsprechend der Bevölkerungsdichte - ausgewogen auf alle Regionen der Stadt
verteilt. Durch einen Stellenplan wird sichergestellt, daß keine
Unterversorgung einer Stadtregion auftreten kann.
Methodenvielfalt
Das vertraglich festgelegte Angebot für die Versicherten umfaßt alle 17
anerkannten psychotherapeutischen Behandlungsmethoden (Kurzzeit- und
Langzeitverfahren). Es können sowohl Einzeltherapien als auch
Gruppentherapien in Anspruch genommen werden.
Besondere Schwerpunkte
Für die WGKK ist besonders wichtig, daß in den Verträgen ein Schwerpunkt bei
der psychotherapeutischen Behandlung von Patienten mit schweren Störungen
sowie von Kindern und älteren Menschen vorgesehen ist.
Qualitätssicherung
Verantwortlich für die Auswahl der Therapeuten ist der jeweilige Verein -
die Erfüllung wesentlicher, von der WGKK vorgegebener
Qualifikationserfordernisse ist jedoch Grundvoraussetzung für die Mitarbeit.
So können im Rahmen der Vereinsverträge ausschließlich Psychotherapeuten auf
Kassenkosten behandeln, die über einen besonderen Erfahrungsnachweis in der
Krankenbehandlung verfügen, der durch zusätzliche Tätigkeit in einem
psychiatrischen Krankenhaus oder gleichartigen Einrichtungen erworben werden
kann. Wesentlich für die Auswahl der mitarbeitenden Psychotherapeuten ist
natürlich auch deren besondere Qualifikation für die Behandlung spezifischer
Krankheitsbilder und schwerer Störungen sowie für Kinder und alte Menschen.
Zur Qualitätssicherung ist weiters vorgesehen, daß bei Psychotherapien für
Kinder und Jugendliche (bis zum vollendten 18. Lebensjahr) vor Beginn der
Behandlung - unabhängig von der geplanten Dauer der Therapie - eine
klinisch-psychologische Diagnostik verpflichtend durchgeführt wird. Bei
Erwachsenen, deren Behandlung voraussichtlich länger als 40 Stunden oder
länger als ein Jahr dauern wird, ist eine klinisch-psychologische Diagnostik
(durch einen klinischen Psychologen) oder eine Klassifikation nach ICD 10
(International Classification of Diseases) von einer dazu qualifizierten
Person (Arzt, Psychotherapeut, Psychologe) vorgesehen.
Aufwand
Die Vergütung der Stunden erfolgt durch Pauschalzahlungen der WGKK an die
beiden Vereine, die ihrerseits die Verteilung des Geldes auf die
mitarbeitenden Therapeuten vornehmen. Für die beiden Verträge wird die WGKK
im Jahr 2001 insgesamt 48 Millionen Schilling, im Jahr 2002 insgesamt 61
Millionen Schilling aufwenden.
Sozialpartnerschaftliche Lösungskompetenz
Der WGKK und ihren beiden Vertragspartnern ist es gelungen, viele
antagonistische Interessen in konstruktiver Weise zu überbrücken, um
letztlich eine gemeinsam getragene Vereinbarung zu erzielen. Dabei sind alle
Verhandlungspartner über ihren Schatten gesprungen und haben
sozialpartnerschaftliche Lösungskompetenz im Sinne der
behandlungsbedürftigen Menschen bewiesen.
Rückfragehinweis: Wiener Gebietskrankenkasse/Öffentlichkeitsarbeit
Mag. Jan Pazourek
Tel.: 01/60 122 - 2254, 0664 - 31 31 794
e-mail: jan.pazourek@wgkk.sozvers.at