Harald Picker
Psychotherapeut (Psychoanalyse)
Leiter des Wiener Psychoanalytischen Seminars (WPS)
1030 Landstr. Gürtel 9/5
Tel. (+43-1) 799-18-53 (auch Fax)
E-mail: harald.picker@chello.at


Ein katastrophaler Erfolg

Mit großer Genugtuung feiern dieser Tage Interessenvertreter der Psycho- therapeuten und der Sozialversicherungsträger ein vorläufig "sicheres" Verhandlungsergebnis. Eine Einigung über Krankenkassenverträge mit Psychotherapeuten steht vor Vertragsabschluß. Die psychosoziale Versorgung Menschen erscheint nun erstmalig in greif-bare (und verwaltbare) Nähe gerückt, so heißt es kühn-ohne genauer zu definieren,was darunter wirklich zu verstehen ist.

Durch diesen drohenden Kassenvertrag wird ein völlig falsches Konzept hochgefeiert und den Psychotherapievertretern die Unterschrift darunter "abgepreßt" (.....sonst gibt es gar keinen Vertrag, ...).Man ist solche Vorgänge im politischen Geschäft gewöhnt und man ist "reif" genug, dabei mitzuspielen, vielleicht stolz darauf, als "Psycho" mitspielen zu dürfen. Dabei sein ist zwar noch nicht alles, aber doch sehr viel.....

Es ist ziemlich erstmalig, daß die Psychotherapeuten nun in Gefahr stehen, unter einen völligen Unsinn ihre Unterschrift zu setzen., daß Psychotherapeuten bereit sind, statt Qualitätsentwicklung und Qualitätssicherung Ihrer Psychotherapie der vertraglichen Absicherung einer Qualitätsschwindelei hochoffiziell mitzuwirken..
Es ist verständlich, daß man-um einen Beruf mit Einkünften zu haben- auch unmoralische Agreements eingeht, denn zuerst kommt das Essen -dann die Moral. Aber bisher war das die Entscheidung der Einzelperson , die auch irgendwann wieder verbessert oder revidiert werden konnte. Diesmal aber geht es um einen ganzen Berufs-"stand", der sich zu verkaufen droht, -um das Linsengericht einer wiederum nicht ordentlichen Bezahlung.

Die wichtigsten Punkte der notwendigen Kritik -kurz dargelegt :

1) Die Krankenkassen unterlaufen das Psychotherapiegesetz :
Im Österreichischen Psychotherapiegesetz ist klar und eindeutig festgelegt, wer als Psychotherapeut zur selbständigen Krankenbehandlung zugelassen ist. Dieses Gesetz ist durch Mithilfe der Fachwissenschafter aus den Bereichen Medizin, Psychotherapie und Psychologie geschaffen worden und weltweit vorbildlich.
Aber nein- die Krankenkassenbeamten -und Krankenkassenpolitiker wissen besser, wer ein tauglicher Psychotherapeut ist, sie brauchen das auch nicht zu argumentieren, nicht mit Fachleuten der Therapie abklären : sie brauchen nur zu "verhandeln", was im konkreten Fall eigentlich "abpressen" heißen sollte. Fachliche Abklärung ist nicht nötig, sie haben ja politische und wirtschaftliche Macht, Denken ist Luxus und gefährlich.
Diese Vorgänge nennt man dann auch noch hohnvoll "demokratisch" - offenbar war es ja auch 1o Jahre lang "demokratisch" sich nicht an die gesetzliche Verpflichtung zu halten, notwendige Behandlungskosten in Psychotherapie zu bezahlen. Stattdessen "pulverlt" man die Patienten mit milliardenteuren Psychopharmaka zu, damit man dann bei der Psychotherapie scheinheilig "sparen" muß. Man ist ja schließlich -wieder "demokratiebewußt" verpflichtet, sorgsam mit den Beiträgen umzugehen........

2) Spezielle Forderungen : Praxis in Spitälern und Institutionen

Es sollen also Psychotherapeuten nur dann Krankenkassenverträge bekommen, wenn sie lange Praxiszeiten in Spitälern und Institutionen nachweisen können.
Das klingt für den Unkundigen ja zunächst nicht dumm, und offenbar sind die Vertreter solcher Forderungen -hoffentlich "nur"unkundig -und nicht zynisch bösartig. Denn jeder, der nur ein wenig Ahnung von "Psychotherapie" hat, weiß, daß man in Krankenhäusern und Institutionen zwar sehr viel lernt, aber keinesfalls Psychotherapie.
Was also lernt man in Krankenhäusern und Institutionen (mit ganz wenig Ausnahmen!) ?

a) Man lernt, daß Psychotherapie unpraktisch ist, weil sie Personal, Zeit und
Räume braucht.
b) ....... daß Psychotherapie nur so lange dauert, wie die Aufenthaltsdauer des
Patienten es erlaubt.
c).........daß Psychotherapie durch allgemeine Gespräche, Beschäftigungstherapie,
Sozialarbeit und ein freundliches Klima ersetzbar ist.
d) ........daß die meisten Patienten "untherapierbar" sind und "unmotiviert"
e).........daß jene Therapietechnik angewendet wird, die der(hoffentlich) dort
tätige Therapeut halt gelernt hat -Hauptsach´ es gschieht was- es wird schon
irgendwie wirken,-und wenn nicht, fällt´s auch nicht ins Gewicht.
f) .........daß "Kurztherapie" ausreichen muß ...
g) .........man lernt vor allem ANPASSUNG ANS SYSTEM

Und dieser letzte "Lernerfolg" ist es, den die Befürworter solcher "Praxis" anstreben. Der Psychotherapeut soll erzogen werden, sich nahtlos in die Dummheit der bestehenden "Usancen" einzufügen, damit er ein verläßlicher Partner werde, so wie die Ärzte, die sich daran gewöhnt haben, ihr ärztliches Ethos der Krankenkassenverwaltung unterzuordnen. Rein mit den Psychotherapeuten in die Ärztepresse !
Und diese abgrundlose Dummheit-wenn nicht Bosheit- wird dann noch als Qualitätssicherung verkauft.
Offenbar merken auch viele Psychotherapeuten nicht, daß in dieser Richtung der Wegweiser zum Abbau der Wirksamkeit von Psychotherapie führt, diese systematisch aushöhlt.
Das Verständnis dessen, was Psychotherapie eigentlich ist, und wodurch sie erst wirksam wird , wird der "Standespolitik" geopfert. Und das wird dieser gehörig schaden.

3) Es paßt ja sehr gut dazu, daß der "Vertrag" mit den Kassen zu einem Art Angestelltenverhältnis des Psychotherapeuten führt, mit geregelten Arbeits-und Urlaubszeiten, usf. , als wäre dies die Aufgabe der Krankenversicherung : Abhängigkeiten zu schaffen und Macht auszuüben, anstatt Behandlungskosten zu übernehmen.
Wieviele Stunden pro Woche ein Psychotherapeut insgesamt arbeiten will und kann, geht "von der Sache her" die Krankenkassen gar nichts an, weil es mit der Behandlungsqualität keinen anderen Zusammenhang gibt, als den, daß die persönliche Belastungsgrenze des Therapeuten dessen ureigenste Verantwortung bleiben muß.
Aber, wer Abhängigkeiten und Unterordnungen schaffen will, muß eben irgendwelche zwänglerischen Anordnungen treffen, um diese Hierarchie erhalten zu können. Einen anderen glaubwürdigen Sinn kann man darin-bei Einsatz von Intelligenz - nicht erkennen.

Wenn man die vorgebliche Sorge der Krankenkassen um Qualitätssicherung und Qualitätsentwicklung der Psychotherapie für die Versicherten ernst nimmt und teilt, kann man natürlich ein vernünftiges und sinnvolles Modell für Vertragspsychotherapeuten erstellen, wie etwa das "Qualitätssicherungs-Fortbildungsmodell", welches in völligem Einklang mit dem Psychotherapiegesetz steht, die Sorgfaltspflicht der Krankenkassen gegenüber den Versicherten wirklich erfüllt, und drittens der professionellen Weiterentwicklung der Psychotherapie in Österreich dient. Es soll hier in aller Kürze dargestellt werden :

Die Krankenkassen vereinbaren mit den Psychotherapeuten :

1) Entsprechend dem Psychotherapiegesetz sind alle Psychotherapeuten, die in der Psychotherapeutenliste des Gesundheitsministers eingetragen sind, mögliche Krankenkassenvertragspartner.

2) Die Vertragspsychotherapeuten bestimmen selbst, in welchem Stundenausmaß sie als Psychotherapeuten haupt-oder nebenberuflich Leistungen anbieten .

3) Das PthG sieht die verpflichtende Fortbildung der Psychotherapeuten vor. Die Krankenkassen entwerfen gemeinsam mit den Vertretern der Psychotherapeuten ein für Vertragspsychotherapeuten bindendes Fortbildungsprogramm, welches nachweislich erfüllt wird und der Aufgabe der Qualitätssicherung und Qualitätsentwicklung dient.

4) Für spezielle Indikationen, etwa die Psychotherapie von Psychosen, entwickeln Krankenkassen und Psychotherapeutenvertreter eine spezielle Weiterbildung, die zur Ausbildung von "Fachtherapeuten" führt.

Aber solche, der Sache dienenden Vorschläge kann ja nur ein "Idealist" ernsthaft erheben, der vom "Geschäft der Politik" nichts versteht.


Es ist zu hoffen, daß sich doch noch genügend konstruktiv-kritische Kräfte in der Politik finden, die um der Österreichischen Psychotherapiequalität willen, den angestrebten Unfug verhindern und sich stattdessen wirklich um Qualität bemühen.
Auch wenn dies wieder sehr "idealistisch" klingen sollte.


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