Aus der Psychotherapie-Berichterstattung der Tageszeitung

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"Politik bestimmt ärztliche Therapie"
Wiener Drogenambulanz: Weniger Mittel, weniger Patienten


Der Standard, 02.05.2000
Andreas Feiertag

Wien - In der Drogenambulanz am Wiener AKH werden immer weniger Suchtkranke behandelt. Was "nicht bedeutet, dass die Zahl der Abhängigen abnimmt", betont die ärztliche Leiterin der psychiatrischen Spezialambulanz, Gabriele Fischer. Drogenmissbrauch nehme weltweit zu, besonders boomt Kokain.
Den Patientenrückgang erklärt Fischer mit einer "Einschränkung unserer Kapazitäten". Seit Jahren verweigere das Wissenschaftsministerium die Nachbesetzung einer Arztstelle, auch Wien sei nicht bereit, wenigstens eine Psychotherapiestelle zu bezahlen - alle Therapeuten, die an der Drogenambulanz arbeiten, müssen mit Forschungsgeldern bezahlt werden, die an anderer Stelle fehlten: "Politische Positionen bestimmen die ärztliche Therapie."
Wurden in der Wiener Drogenambulanz 1995 noch 1300 Suchtkranke behandelt, sank die Patientenzahl im Vorjahr, so der aktuelle Tätigkeitsbericht, auf 601. Demgegenüber gebe es keine belegbaren Zahlen über das tatsächliche Drogenproblem, "da wir eines der wenigen EU-Länder sind, das keine epidemiologische Studie zum Thema Substanzabhängigkeit hat": Irgendwer schätzt irgendwas.
Ausgehend von den suchtmittelbedingten heimischen Todesfällen im Jahr - rund 14.000 durch Nikotin, bis zu 3000 durch Alkohol und 162 durch Opiate (etwa Heroin) - werden folgende Zahlen vermutet: mehr als 500.000 Nikotinabhängige, gut 250.000 Alkoholiker, rund 70.000 Medikamentensüchtige und 20.000 bis 30.000 Opiatabhängige.
Nach Ansicht der Drogenexpertin sind für so viele Patienten nicht genügend einschlägig ausgebildete Ärzte vorhanden, was zu einer "qualitativ oft fragwürdigen Versorgung der Patienten im niedergelassenen Bereich" führe.
Zudem sei die Finanzierung der notwendigen begleitenden Sozialarbeit seit Jahren nicht gesichert. Daher würden "viel zu viel Patienten dann zur wesentlich teureren Psychotherapie überwiesen, obwohl nur etwa zehn Prozent die Eignung dafür haben".
Als Fortschritt wertet Fischer hingegen den "Paradigmenwechsel" in der medizinischen Betreuung von Suchtkranken: Man sei vom Prinzip des "abrupten Absetzens" der Droge (Cold Turkey) gänzlich abgekommen. "Keine Ideologisierung der Abstinenz, sondern eine Akzeptanz der Krankheitswertigkeit, die eine jahrelange medikamentöse Therapie notwendig macht", konstatiert Fischer - ähnlich Rheuma, Diabetes oder Bluthochdruck.
Erfreulich sei auch, dass es zur Behandlung endlich auch eine Medikamentenvielfalt gebe, die individuelle Betreuung ermögliche. Methadon sei zwar gut, aber eben nicht alles.


Gesundheitsökonomie
"Ich kann das Scheitern meiner Vorgänger verstehen"


Der Standard, 29.04.2000

Gesundheits-Staatssekretär Reinhart Waneck erklärt im Standard-Interview, wie er das österreichische Gesundheitssystem reformieren will - trotz eines Mangels an Kompetenzen. Eine Erhöhung der Krankenkassengebühren komme als Lösung nicht in Frage.

Standard: Herr Staatssekretär, praktisch alle Ihrer Vorgänger haben über einen Mangel an Kompetenzen und einen zu kleinen Gestaltungsspielraum für eine umfassende Gesundheitsreform geklagt. Wie sehen Sie das nach rund hundert Tagen im Amt?

Waneck: Bis zu einem gewissen Grad kann ich das nachvollziehen und verstehe, warum die anderen gescheitert sind. Mir wurden, wie auch meinen Vorgängern, vom Gesetzgeber wenig legistische Gestaltungsmöglichkeiten gegeben. Wir geben die Ideen und die Initialzündung und die Krankenkassen haben im Interesse des Beitragszahlers unsere Lösungsansätze umzusetzen. Heute sind andere Voraussetzungen gegeben. Wenn Legislative und Exekutive dreißig Jahre lang vom gleichen Couleur sind, wird man irgendwann betriebsblind. Jetzt ist es so, dass die Dinge von einem anderen Standpunkt aus gesehen werden, weil wir sagen: Ihr müsst es jetzt einmal anders machen.

STANDARD: Was haben Sie bisher in Ihrem Bereich erreichen oder zumindest
bewegen können?

Waneck: Ich habe bereits in kürzester Zeit wichtige Themenbereiche aufgegriffen und in positive Bahnen gelenkt. Wir haben den Krankenkassen ein Konzept zur Selbstregeneration vorgelegt, ohne dabei die Beitragszahler zu belasten. Weiters wurde von mir die verschuldensunabhängige Patientenentschädigung initiiert. Sie soll den Patienten zugute kommen, die im Zuge einer Spitalsbehandlung zu Schaden gekommen sind, ohne dass ein Verursacher auszumachen war. Hier soll rasch und unbürokratisch geholfen werden. Ein weiterer Erfolg ist die Patientencharta, die ein kompliziertes Gesetzeswerk für Patienten verständlich bündelt. Damit wurde der Zugang zu den Patientenrechten erleichtert. Das jetzige Konzept sieht weder einen Selbstbehalt noch eine Beitragserhöhung der Krankenkassenbeiträge vor, weil an erster Stelle die Selbstregeneration des Systems stehen muss. Die Ressourcen müssen richtig eingesetzt werden. 2001 ist der nächste Kassasturz, ich bin zuversichtlich, dass die kranken Kassen gesunden können. Erst nach dieser Selbstregeneration des Systems stellt sich die Frage, was die Gesundheit braucht und was an zusätzlichen Leistungen finanziert werden muss.

STANDARD: Die Menschen werden immer älter und die Kosten für die Pflege und die High-tech-Medizin immer höher. Es werden also wohl auch die Versicherungsbeiträge steigen müssen.

Waneck: Die Kassen haben ein gigantisches Einsparungspotential, das genutzt werden muss. Eine Anhebung der Beiträge steht daher nicht zur Debatte. Wir wollen natürlich auch unser Gesundheitsprogramm durchsetzen, das schließt die Rehabilitation, die Onkologie im Krankenhaus und im niedergelassenen Bereich, die Krankenpflege, die Psychotherapie, die Psychiatriereform oder die Hospizbetreuung ein. Indem man zum Beispiel die Rezeptgebühr erhöht, trifft man ja nicht die Armen, die Rezeptgebührbefreiten. Es muss natürlich klar gemacht werden, dass das für die Gesundheit ist.

STANDARD: Die schließt wohl auch Überlegungen ein, wie sich das aus mehreren Töpfen finanzierte österreichische Gesundheitssystem wirtschaftlich vernünftiger organisieren lässt.

Waneck: Von der Geldversorgung her gilt: je weniger Töpfe, umso besser. Von der individuellen Betreuung und der Konkurrenz im Gesundheitswesen aus betrachtet sieht das anders aus. Das Falscheste ist, was jetzt geschieht. Heute zahlen die Krankenkasse einen Pauschalbetrag im Spital, der unter dem liegt, was sie derselbe Patient im niedergelassenen Bereich kostet. Deshalb wurden die Patienten jahrelang in die Ambulanzen hineingepresst. Aber wenn im Schnitt eine Behandlung in der Spitalsambulanz 2200 Schilling kostet, und beim niedergelassenen Arzt 500 bis 650 Schilling, dann müssen wir die Möglichkeit schaffen, dass alles, was beim niedergelassenen Arzt gemacht werden kann, auch dort gemacht wird. Das gehört alles offen gelegt und es gehören entsprechende Strukturen geschaffen, zum Beispiel in der Form von Gruppenpraxen.

STANDARD: Das sind die Folgen eines gewachsenen Systems. Wie wollen Sie es verändern?

Waneck: Das werden wir mit einem Behandlungsbeitrag etwas aufweichen. Jetzt zerbrechen sich alle die Köpfe, wer ihn bekommen soll. Die Spitäler hätten ihn gerne, und die Krankenkassen brauchen ihn. Die Kassen sagen, wir sind für die Stärkung des extramuralen Bereiches, also Leistungen durch den niedergelassenen Arzt, wenn wir dafür das Geld kriegen, weil das kostet mehr. Jetzt zahlen wir in das Spital unterdurchschnittlich wenig hinein. Die Spitäler sagen, wir haben ohnehin einen Abgang und brauchen eigentlich das Geld. Andererseits ersparen sie sich auch Geld, wenn sie in den Ambulanzen weniger machen. Hier ist der Schnittpunkt, und jetzt wurde eine Diskussion in Gang gesetzt.

STANDARD: Deren Ergebnis nach Ihren Vorstellungen wie aussehen sollte?

Waneck: Wichtig ist, dass es bei der Finanzierung keine Trennung in intramural, also im Spital erbrachte, und extramurale Leistungen gibt. Es muss einen überschaubaren Topf geben, der auch zwei Kammern haben kann, wenn sie kommunizierende Gefäße sind. Man könnte darüber diskutieren, dass die Krankenkassen tun sollen, was sie nach dem Krieg gemacht haben, nämlich dafür zu sorgen, dass der niedergelassene Bereich funktioniert. Und sie zahlen überhaupt nicht für das Spital, weil es aus den Landesbudgets bezahlt wird. Man könnte auch das ganze Geld der Krankenversicherung geben, und sie finanziert sowohl das Spital als auch den niedergelassenen Bereich. Sie wäre dann zur Ökonomie verpflichtet und müsste zuerst beim billigeren einkaufen.

STANDARD: Was müsste bis zum Ende ihrer Amtszeit geschehen sein, damit Sie sagen können, Sie waren erfolgreich?

Waneck: Ich würde mich dann nicht gescheitert sehen, wenn ich oder mein Nachfolger alles das, was ich bereits präsentiert habe und die Politik, die ich mache, weiterführen müssten. Niemand sagt heute in Österreich, dass Medizin gedeckelt werden muss und dass das Niveau abgesenkt werden muss. Auf diesem Konsens muss man aufbauen. In einem ausgewogenen System, dass jene solidarisch einbezieht, die ihre Beiträge leisten können, und jene, die es sich nicht leisten können, trotzdem zu ihrer Therapie kommen lässt. (rbe)


"Riesenbedarf an Zuwendung"

Der Standard, 29.04.2000

Wien - "Es gibt im Gesundheitswesen einen Riesenbedarf an Kommunikation und Zuwendung", sagt ÖVP-Gesundheitssprecher Erwin Rasinger. Deshalb sei es auch nicht vertretbar, dass Psychotherapie auf Krankenschein letzten Dienstag vorerst am Veto einzelner Kassen (Bauern, Beamte, Tirol und Vorarlberg) gescheitert ist. Als praktischer Arzt habe er positive Erfahrungen mit Psychotherapie für seine Patienten gesammelt. Studien belegten, dass beispielsweise bei den meisten Depressionen Medikamente plus Psychotherapie die optimale Behandlungsform sei. Auch Schwerkranke benötigten psychische Hilfe. "Wenn wir ein modernes Gesundheitssystem wollen, dann müssen wir auf solche Faktoren Rücksicht nehmen." Österreich habe mit seinem Psychotherapiegesetz weltweit Pionierarbeit geleistet und hätte die Chance gehabt, "Vorzeigeland" zu werden. Die Kosten für Psychotherapie auf Kasse seien überschaubar: jährlich 300 bis 500 Millionen Schilling zusätzlich. Für eine Behandlungsstunde hätten die Therapeuten von der Kasse 650 Schilling bekommen. "Ein Techniker, der mir meinen Computer erklärt, verlangt das Doppelte."

Nach dem Scheitern eines Gesamtvertrages im Hauptverband der Sozialversicherungsträger muss sich nun - wie exklusiv berichtet - jede einzelne Kasse überlegen, wie sie ihren Patienten trotzdem Psychotherapie anbieten kann. (mon)


Vertrag über Psychotherapie auf Krankenschein geplatzt
Krankenversicherer geben kein grünes Licht für Kassentherapeuten

Der Standard, 27.04.2000

Wien - Der Plan der Sozialversicherung, noch dieses Frühjahr 415 Kassenpraxen für Psychotherapie in ganz Österreich einzurichten, ist geplatzt. Nach einem fast zehnjährigen Verhandlungsmarathon legten sich am Dienstag überraschend die Krankenversicherungen von Bauern und Beamten sowie die Gebietskassen von Tirol und Vorarlberg quer. Damit ist eine flächendeckende Versorgung mit Psychotherapie auf Krankenschein wieder in die Ferne gerückt. Hans Sallmutter, Präsident des Hauptverbandes, grollt über das Ergebnis.
Der Ball liegt nun bei den Kassen. Sie werden voraussichtlich Verträge mit Vereinen schließen, die ihrerseits mit einzelnen Therapeuten zusammenarbeiten. Psychotherapeuten-Präsident Alfred Pritz droht mit einer Verfassungsklage und besteht auf Einzelverträgen zwischen Kassen und Therapeuten.
Insgesamt gibt es 5000 registrierte Psychotherapeuten in Österreich, davon 3000 aktive. Aus dieser Gruppe hätten laut Berufsverband zwei Drittel die Kriterien der Sozialversicherung erfüllt. Der Vertrag hat auch innerhalb der Standesvertretung zu einer Zerreißprobe geführt, weil ein Teil der Therapeuten die Kriterien als willkürlich und unerfüllbar betrachtete.
Derzeit leistet die Kasse für eine Therapiestunde 300 Schilling Rückvergütung. (mon)


Psychotherapievertrag geplatzt
Sozialversicherung gibt kein grünes Licht für geplante Kassenpraxen

Der Standard, 27.4.2000
Martina Salomon

Wien - Es ist eine "never ending story" mit Höhen und Tiefen: Seit knapp zehn Jahren wird über Psychotherapie auf Krankenschein verhandelt. Letzten Dienstag ist ein Gesamtvertrag mit den Therapeuten endgültig gescheitert. "Kassentherapeuten" im klassischen Sinn wie die niedergelassenen Ärzte wird es daher nicht geben - zumindest nicht flächendeckend in ganz Österreich.
Nun obliegt es den einzelnen Gebietskrankenkassen, mit Psychotherapievereinen Verträge zu schließen. Diese Vereine können mit Ambulatorien, Gruppenpraxen, aber auch Einzelpersonen zusammenarbeiten. Damit steht allerdings neuerlich in den Sternen, ab wann es überall Psychotherapie auf Kasse und ob es dafür einen Selbstbehalt geben wird.
Die Therapeuten kündigen jedenfalls eine Verfassungsklage an. Immerhin wurde ja bereits in der 50. ASVG-Novelle 1992 eine gesetzliche Leistungsverpflichtung der Kassen festgelegt. Und die wiederum ging auf einen Nationalratsbeschluss von 1990 zurück. Patienten werden um ihr Behandlungsrecht betrogen, schäumt Psychotherapeuten-Präsident Alfred Pritz im STANDARD-Gespräch.
In der so genannten "Verbandskonferenz", in der die Spitzen der Krankenversicherer vertreten sind, fehlten am Dienstag zwei Befürworter auf die erforderlichen 19 von 27 Stimmen. Das sind die Gegner: Die Bauernkasse verwies auf ihre schlechte Finanzlage. Die Tiroler sowie die Vorarlberger Kasse haben bereits eigene Ländermodelle mit Vereinen und sind an Einzelverträgen nicht mehr interessiert. Und die Beamtenversicherer hätten das Modell nur befürwortet, wenn alle zugestimmt hätten. Die Spitze des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger, die für den Vertrag eingetreten war, ist über das Ergebnis jedenfalls alles andere als glücklich.
Damit geht ein turbulentes Kapitel im Hauptverband zu Ende. Innerhalb der Psychotherapeuten selbst hatte es ja heftige Flügelkämpfe wegen des Vertrages gegeben, der äußerst restriktive Zugangsbedingungen für die Berufsgruppe diktiert hätte. Dieser Streit samt vielfältiger interner Abstimmungen und diverser Protestresolutionen sorgte für den schlechten Ruf der Standesvertretung, ein nicht immer ganz verlässlicher Partner zu sein. Diese Fraktionierung hat ihren Nachhall auch in der laufenden Neuwahl des Präsidiums gefunden. Pritz nimmt nach einem Jahrzehnt den Hut. Er war nicht immer unumstritten, einmal wurde gegen ihn "geputscht", wenig später errang er wieder den Vorsitz. Zwei Frauen kämpfen diesmal um den Vorsitz: Die Salzburgerin Elisabeth Sprinz sowie die Tirolerin Margret Aull von der oppositionellen Gruppe AQA, die den Vertrag immer offen bekämpft hatte.


Patienten, bitte warten

Der Standard, 27.04.2000
Martina Salomon

Wien (OTS) - Diese Woche sind die Verhandlungen für eine flächendeckende Psychotherapie auf Krankenschein gescheitert - ein ganzes Jahrzehnt nach dem ersten Beschluss im Nationalrat. Es wird daher noch eine Weile den Begüterten vorbehalten bleiben, Psychotherapie in Anspruch zu nehmen. Alle anderen müssen sich auf lange Wartelisten in Kassenambulatorien setzen lassen - ohne die Möglichkeit, den passenden Therapeuten selbst auszusuchen. Bei Kindern und Jugendlichen herrscht besonderer Mangel an therapeutischer Hilfe. Und das, obwohl Psychotherapie weit weniger als beispielsweise der Medikamentenverbrauch kostet. 1,1 Milliarden Schilling gibt die heimische Sozialversicherung jährlich nur für Psychopharmaka aus und lediglich 300 Millionen für Psychotherapie.

Der geplante Vertrag mit 415 Kassentherapeuten (ab April!) hätte 350 Millionen Schilling zusätzlich bedeutet. Dabei waren die Therapeuten fast bis zur Selbstaufgabe zu Konzessionen bereit. Denn der Vertrag hätte für sie hohe und teilweise nicht nachvollziehbare Hürden für einen Kassenvertrag vorgesehen.

Eigentlich waren es immer die Psychotherapeuten, denen man Unzuverlässigkeit vorwarf. Nun ist das Modell an einem Abstimmungsergebnis der Sozialversicherer gescheitert. Darf das wahr sein - nach einem Jahrzehnt des Tauziehens? Die Krankenversicherungen von Beamten und Bauern sowie die Gebietskassen in Tirol und Vorarlberg haben ein Veto eingelegt. Das ist unverständlich, weil es ein Modell gab, nach dem sie vom Gesamtvertrag ausgenommen worden wären. Möglicherweise war das eine politische Entscheidung (schwarze Kassen gegen roten Hauptverband), die vorerst zu Ungunsten der Beitragszahler ausgegangen ist. Nun müssen die einzelnen Kassen nach Alternativen suchen. Patienten, bitte warten ...


Mehr Geld für Kassen: Krank sein wird teurer
Höhere Rezeptgebühr, 250 S für Ambulanzbesuch, aber kein neuer Selbstbehalt
in der Arztpraxis


Der Standard, 15.04.2000

Wien - Die Regierung hat sich in ihrer Klausur auf ein Sanierungskonzept für die Krankenkassen geeinigt. Beitragserhöhungen sind nicht vorgesehen, dafür ein Selbstbehalt bei Ambulanzbesuchen. Dieser wird bei Überweisungen 150, bei direktem Besuch 250 Schilling betragen, medizinische Notfälle sind ausgenommen. Der Behandlungsbeitrag pro stationärem Spitalstag wird von 70 auf 100 Schilling, die Rezeptgebühr von 45 auf 55 Schilling steigen. Die Auszahlung des Krankengeldes wird auf 52 Wochen gekürzt. Verlängert wird es nur für jene, die in den Arbeitsmarkt wieder eingegliedert werden können. Für besonders schwer Erkrankte kann die Begrenzung aufgehoben werden. Das soll noch vor dem Sommer beschlossen werden.

Massive Einsparungen sind bei den Medikamentenkosten vorgesehen. Dieses Ziel soll durch eine Reduzierung der Großhandelsspanne erreicht werden. Gleichzeitig sind die Sozialversicherungen angehalten, auch in ihren eigenen Bereichen zu sparen. Bei neuen Versicherungsleistungen - Beispielsweise der Psychotherapie - ist ein 20-prozentiger Selbstbehalt zu erwarten. Vereinbart wurde überdies, dass Patienten auf die neue Chipcard freiwillig medizinische Notfalldaten speichern lassen können.
Die Reform sei "kein Radikalkonzept", sagte Bundeskanzler Wolfgang Schüssel in der gemeinsamen Presseerklärung mit Vizekanzlerin Susanne Riess-Passer. Man habe Strukturreformen statt Mehreinnahmen angestrebt und sei froh, dass dies ohne Beitragserhöhungen möglich gewesen sei.
(red)

© DER STANDARD, 15./16. April 2000


Frühestens ab Oktober soll es Kassen-Therapeuten geben

Der Standard, 29.03.2000

Wien - Wegen der Finanzierungsprobleme der Krankenkassen verzögert sich die Psychotherapie auf Krankenschein neuerlich. Frühestens im Oktober werden Kassen-Therapeuten zur Verfügung stehen, sagen die Verhandlungspartner.
Vor allem die Obmänner der Tiroler, Vorarlberger und der Bauernkasse haben sich gegen eine Einführung quergelegt. Es sei schwierig, neuen Leistungen zuzustimmen, wenn es aufgrund des Kassendefizits aus dem Vorjahr bereits Haftungsdrohungen (beispielsweise vom ÖVP-Arbeitnehmerbund ÖAAB) gibt, argumentiert Hans Sallmutter, Präsident des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger. Die Verhandlungsleiterin der Therapeuten, Jutta Fiegl, kann sich eine etappenweise Einführung des Kassenvertrages vorstellen. Dann würden etwa die Bauern erst später einsteigen.
(mon)


Gesundheitsenquete im Sozialministerium zur Finanzierung der Krankenkassen
Therapie für finanzmarode Krankenkassen gesucht


Der Standard, 02.03.2000

Wien - Die ersten "Patienten", mit denen der im Zivilberuf als Radiologe und neuerdings als Staatssekretär für Gesundheitsfragen tätige Reinhart Waneck (FP) konfrontiert wurde, sind die Krankenkassen. Die Diagnose war eindeutig: ein Finanzdefizit von 3,37 Milliarden Schilling (244 Mio.EURO) für 1999, das unaufhörlich wächst. Vorhersehbar für 2000 ist ein Minus von 5,5 Milliarden (399 Mio. EURO), 2001 werden zwischen sechs und neun Milliarden befürchtet.
Bei der Therapie des Kassendefizits scheiden sich aber die Geister. Bei einer von Sozialministerin Elisabeth Sickl (FP) für heute, Donnerstag, einberufenen "Gesundheitsenquete" sollen Vertreter der Krankenkassen, der Apotheker- und Ärztekammer sowie der Pharmaindustrie gemeinsam Lösungsmodelle zur Finanzierung der insgesamt 24 Krankenkassen diskutieren.
Waneck selbst zeigt sich in alle Richtungen gesprächsbereit und stellt klar: "Wir haben kein Qualitäts-, sondern ein Finanzierungsproblem." Mit einer einzigen Maßnahme alleine - wie etwa den kolportierten Selbstbehalten - könne allerdings nicht die gesamte Finanzmisere langfristig gelöst werden. "Es reicht nicht, nur das vorhandene Minus abzudecken. Wir müssen auch langfristige Lenkungseffekte erzielen, um zukünftige Abgänge zu vermeiden", gab Waneck die Richtung vor.
Die Schwerpunkte seien mit dem Regierungsprogramm vorgegeben. Dazu zählen etwa der Ausbau des extramuralen Bereiches, die Psychotherapie, der Ausbau von Rehabilitationseinrichtungen und die Verdichtung des niedergelassenen Bereiches. "Im Mittelpunkt unserer Überlegungen muss der Mensch stehen", so Waneck. Sein Ziel sei eine sozial ausgewogene Lösung. Zum Thema Selbstbehalt hatte zuletzt Ministerin Sickl erklärt, dieser solle nur dann eingeführt werden, wenn die Kassen mit Rationalisierungsmaßnahmen ihr Defizit nicht selbst in den Griff bekommen. Die ÖVP hatte jedoch auf die Einhaltung des Koalitionsabkommens gepocht, wo festgehalten ist, den Kassen die Möglichkeit zur Einführung von Selbstbehalten zu gewähren.
In der Zwischenzeit wurden die österreichischen Apotheken, so die Standesvertretung, "kreativ". Sie wollen den Krankenkassen einen neuen Rabatt für Medikamente geben. Kammerpräsident Herbert Cabana: "Die Apotheken werden in den nächsten fünf Jahren als Solidaritätsbeitrag rund 1,5 Milliarden Schilling (109 Mio.EURO) zahlen." Und dürften sich für das kleinere Übel von dreien entschieden haben. Alternativen waren Spannenkürzungen oder Ausgabendeckelungen. Die Kassen kritisierten wiederholt zu hohe Medikamentenkosten und Handelsspannen. Die Gewerkschaft der Gesundheitsberufe verwies zudem darauf, dass jährlich Medikamente im Wert von 4,6 Milliarden Schilling ungeöffnet weggeworfen würden [siehe dazu OTS-Presseaussendung der GdG vom 2.3.]. (nim)

© DER STANDARD, 2. März 2000


Ab Juli gibt es Psychotherapie auf Kasse
Doch die Kritik der Standesvertretung an den selektiven Zugangskriterien hält an


Der Standard, 15.2.2000

Wien - Frühestens ab ersten Juli werden die Kassen Psychotherapie auf Krankenschein bezahlen. Therapeuten können sich ab jetzt um Kassenstellen bewerben.

Damit ist ein seit 1992 bestehendes Tauziehen zwischen Berufsverband und Sozialversicherung beendet - möglicherweise aber noch nicht ganz. Denn obwohl das zuständige Gremium der Psychotherapeuten den ausgehandelten Vertrag letzten Samstag mit einer Zweidrittelmehrheit angenommen hat, wurde gleichzeitig eine Resolution verfasst, in der wesentliche Punkte - beispielsweise die Qualifikationskriterien - neuerlich in Frage gestellt werden. Das wird von Peter Scholz, Verhandler im Hauptverband der Sozialversicherungsträger, "mit großer Sorge und Verwunderung" registriert.

Künftige Kassen-Therapeuten werden mindestens 20 Wochenstunden für Patienten zur Verfügung stehen müssen. Insgesamt sollen 415 in ganz Österreich praktizieren, allein für Wien werden 150 gesucht. Bisher haben Patienten 300 Schilling ihrer Behandlungskosten von der Kasse rückerstattet bekommen. Dieser Beitrag wird bis Ende 2001 auch jenen Patienten weitergezahlt, die bei Therapeuten sind, die die strengen Kassen-Auflagen nicht erfüllen.

Die Spitze der Standesvertretung zeigt sich mit den Anforderungen - wie die Kritiker - "nicht glücklich", wie in einer Pressekonferenz am Montag betont wurde. Im Sinne der Patienten habe man sich aber entschlossen, die Kriterien zu akzeptieren. Bei Wahltherapeuten werden die Kassen pro 50-Minuten-Sitzung 520 Schilling bezahlen. Den Rest muss der Patient tragen. Eine Therapiestunde kostet zwischen 700 und 1200 Schilling. Die Kassentherapeuten werden für ihre Behandlung pro Sitzung 650 Schilling erhalten.

Die jetzt erzielte Vereinbarung sei Grundlage dafür, dass Menschen, die eine Psychotherapie benötigten, eine solche auch bekommen, erklärte der Wiener Gesundheitsstadtrat Sepp Rieder. (mon)

© DER STANDARD, 15. Februar 2000


Psychotherapie auf Krankenkasse kommt

Der Standard, 14.2.2000

Salzburg - Nach jahrelangem Ringen hat der Berufsverband der Psychotherapeuten am Samstag einem mit der Sozialversicherung ausgehandelten Kassenvertrag zugestimmt. Bei der nunmehr dritten Abstimmung im zuständigen Gremium ging es laut Psychotherapeutenchef Alfred Pritz neuerlich "hochdramatisch" her. Das letzte Mal war die Zweidrittel-Mehrheit lediglich um eine Stimme verpasst und neuerlich eine Nachverhandlung erzwungen worden.

Dieses Mal stimmten 37 der Delegierten für den Vertrag und 15 dagegen.
Ursprünglich sollte der Kassenvertrag ab April gelten. "Wir wären bereit", sagt Pritz zum STANDARD. In der Sozialversicherung bezweifelt man, dass es so schnell gehen wird.

Kritiker meinen, dass eine flächendeckende Versorgung der Bevölkerung ohnehin nicht gewährleistet ist. Es sind so strikte Aufnahmebedingungen vorgesehen, dass ein Großteil der bereits praktizierenden Therapeuten davon ausgeschlossen bleiben wird. Nach einer Übergangsfrist werden deren Patienten nicht einmal mehr wie bisher einen Teil ihrer Kosten von der Kasse rückerstattet bekommen. (mon)


Psychotherapie: Wieder kein Vertrag

Der Standard, 24.1.2000

Salzburg - Die Bundeskonferenz der Psychotherapeuten hat das Verhandlungsergebnis für einen Kassenvertrag mit dem Hauptverband der Sozialversicherungsträger am Wochenende in Salzburg neuerlich knapp abgelehnt. Nur eine Stimme fehlte auf die notwendige Zweidrittelmehrheit.
Gegen den Protest der Opposition wurde eine neue Abstimmung für den 12. Februar festgesetzt. Bis dahin soll das Verhandlungsteam noch einmal mit der Sozialversicherung nachverhandeln. Eva Mückstein von der Gruppe AQA ("Arbeitsgruppe Qualifizierte Alternative") sieht darin wenig Sinn. Das würde nichts am Prinzip ändern - dass nämlich viele Therapeuten von einem Kassenvertrag ausgeschlossen werden, der Vertrag sittenwidrig und eine flächendeckende Versorgung der Bevölkerung nicht gegeben sei. (mon)


Psychotherapie als Zitterpartie
Nächste Runde im Tauziehen um Kassenvertrag -
Therapie auf Krankenschein ab "Frühsommer"

Der Standard, 1.12.1999
Martina Salomon

Wien - Ab dem "Frühsommer" könnte es in ganz Österreich 415 Kassen-Psychotherapeuten geben, heißt es im Hauptverband der Sozialversicherungsträger. Dazwischen stehen allerdings noch schwierige Verhandlungen mit dem Berufsverband der Therapeuten, die heute, Mittwoch, in die nächste Runde gehen.
Trotz teilweise heftiger Proteste hat die Bundeskonferenz der Psychotherapeuten letztes Wochenende das Verhandlungsteam und - im Kern - auch das bisherige Ergebnis bestätigt. Und das mit einer Zwei-Drittel-Mehrheit, wie Jutta Fiegl, Verhandlungsleiterin mit der Sozialversicherung, dem STANDARD berichtete. Trotzdem fürchten viele Therapeuten, dass ihre Patienten künftig nicht einmal mehr die bisherigen 300 Schilling des Honorars von der Kasse rückvergütet bekommen, weil der Behandler nicht den neuen Hürden der Sozialversicherung entspricht.
In Zukunft muss Erfahrung in der Behandlung von Psychosen und Suchterkrankungen nachgewiesen werden - etwas, das in der freien Praxis kaum vorkommt und daher teilweise in Institutionen nachgeholt werden muss, wo es wiederum kaum Jobs für Psychotherapeuten gibt. Fiegl teilt die Bedenken vieler Kritiker, meint aber dennoch: Wer die Kriterien erfüllen wolle, könne das auch erreichen.
Panik hält sie für überzogen: "Seit September hänge ich ununterbrochen am Telefon. Und achtzig Prozent jener, die um die Anerkennung bei den Kassen fürchten, schaffen die Kriterien dann doch irgendwie." Die schärfsten Kritiker des Vertrags - die "Arbeitsgruppe Qualifizierte Alternative" (AQA) - will allerdings die neuen Qualifikationskriterien überhaupt zu Fall bringen. "Das ist eine Privatinitiative, die nichts mit uns zu tun hat", sagt Fiegl.
Der Berufsverband wünscht sich unter anderem eine Verlängerung der Übergangsfrist bis Ende des Jahres 2001. Darüber hinaus soll noch über Details bei der Anrechnung von Stunden beziehungsweise über ein höheres Honorar (derzeitiger Stand: 650 Schilling für 50 Minuten) verhandelt werden.
Peter Scholz, zuständiger Abteilungsvorstand im Hauptverband, meint, man könne noch über Details, nicht aber über Grundsätzliches reden. Relativ wenig Freude hat er mit der Forderung, wonach für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten andere Kriterien als für Erwachsenentherapeuten gelten sollten. Ein "Aufweichen der Bestimmungen" kommt für Scholz "nicht in Frage". Ihm tue es leid, dass sich der Gesamtvertrag jetzt neuerlich verzögere. Geplant war er ab April '99.
Am 20. Jänner wollen die Psychotherapeuten erneut über den Vertrag abstimmen. Trotz aller Probleme hätte Österreich mit diesem Kassenvertrag dann eines der fortschrittlichsten Modelle in Europa.

Leserbrief: mailto:documentation@derstandard.atZu: 'Psychotherapie als Zitterpartie' von Martina Salomon


Psychotherapie: Jein zum Kassenvertrag

Der Standard, 27.11.1999

Salzburg - Unter dem Titel "Weiter verhandeln statt vorschnell zustimmen" hat sich die Arbeitsgruppe "Psychotherapie auf Krankenschein" mit Sitz in Graz am Freitag in einem offenen Brief an den Österreichischen Bundesverbandes für Psychotherapie (ÖBVP) gewandt. Damit wollte man unmittelbar vor der entscheidenden Sitzung in Salzburg, in der über den Entwurf für einen Kassenvertrag abgestimmt werden sollte, noch das Ruder herumreißen.

In dem von 300 Psychotherapeuten unterzeichneten Brief werden Bedenken gegen den Vertragsentwurf vorgebracht: Sowohl für die Klienten als auch für den Berufsstand und die Ausbildungskandidaten werden massive Nachteile befürchtet.
Pflicht der Sozialversicherung sei es aber, eine ausreichende Versorgung der Psychotherapie auf Krankenschein zu gewährleisten anstatt das Angebot zu gefährden und Psychotherapeuten mit "praxisfernen Selektionskriterien in ihrer Existenz zu bedrohen.".

Psychotherapeuten-Präsident Alfred Pritz hatte bis zuletzt versucht, seine Mitglieder von den Vorteilen des Verhandlungsergebnisses zu überzeugen.

(red)




Psychotherapie: Tauziehen um Vertrag

Der Standard, 23.11.99, S. 6

Wien. - Diesen Freitag müssen die Psychotherapeuten in Salzburg darüber abstimmen, ob der zwischen ihrer Standesvertretung und der Sozialversicherung ausgehandelte Vertrag akzeptiert wird. Doch die Kritik daran nimmt täglich zu. Der Tenor: Es würden fachlich nicht begründbare Hürden - nämlich Behandlungserfahrung bei Psychosen und Suchterkrankungen - für eine Kassenpraxis vorausgesetzt. In der freien Praxis sei man aber eher mit "Volkskrankheiten" wie Depressionen, Schlafstörungen oder Panikattacken konfrontiert, sagt die "Arbeitsgruppe Qualifizierte Alternative" (AQA).
Eine "massive Abwertung des Berufsstandes" befürchtet eine andere Gruppe in einem offenen Brief an die Berufsvertretung. (mon)


Psychotherapie auf Kasse - Kinder wurden "vergessen"
Kritik am Sozialversicherungsvertrag


Der Standard, 19.10.99, S. 6
Martina Salomon

Wien. "Es kann doch nicht angehen, dass man schon wieder auf die Kinder vergisst - wie bei der Pflegegeldregelung!" Der prominente Kinderpsychiater Max Friedrich zieht gegen die geplanten Bedingungen für Kassen-Psychotherapeuten zu Felde.
Wie berichtet finden dieser Tage die letzten Verhandlungen für einen Vertrag statt. Der Entwurf geht über die im Psychotherapiegesetz vorgeschriebenen Voraussetzungen hinaus und wird weitere Hürden einbauen - beispielsweise ein Jahr vollberufliche Tätigkeit in einem psychiatrischen Krankenhaus oder 1000 Stunden psychotherapeutische Krankenbehandlungen von Psychotikern beziehungsweise Süchtigen.
Für die Behandlung von Kindern seien ganz andere Voraussetzungen notwendig, kritisiert Friedrich: Entwicklungspsychologie, tiefenpsychologische und familiendynamische Kenntnisse etwa. Friedrich hat sich deshalb an den Hauptverband der Sozialversicherungsträger gewandt. Der ist gesprächsbereit.
DeAndere Kinderpsychotherapeuten schließen sich Friedrichs Ablehnung an. Renate Strasser, Leiterin eines Beratungszentrums für Schulfragen, meint: "Die Kinderpsychotherapeuten, die ich kenne, erfüllen die Voraussetzungen der Kasse nicht. Und die Erwachsenentherapeuten, die zugelassen wären, können mit Kindern nicht umgehen." Fazit: "Es wird Psychotherapie für Kinder nicht mehr stattfinden." Zumindest nicht mit Hilfe der Kasse. Denn selbst die bisherige Kosten-Rückerstattung - 300 Schilling pro Sitzung - wird den Patienten (sollte der Vertrag kommen) nur mehr ein Jahr gewährt, wenn der Behandler die Voraussetzungen erfüllt. Derzeit herrscht völlige Verwirrung darüber, wie viele diesen Bedingungen entsprechen. Der Berufsverband meint: 80 Prozent. Doch viele halten diese Zahl für maßlos übertrieben und glauben, es werden weniger als ein Drittel sein. So erfülle im Bezirk Melk lediglich einer von zwanzig die Kassen-Voraussetzungen, sagt Therapeutin Madelaine Wessely.
Der niederösterreichische Landesverband will am 26. November gegen den von der Standesvertretung ausgehandelten Vertrag stimmen. Er sei rechts- und sittenwidrig, versorgungsfeindlich, sachfremd und frauendiskriminierend.
Der Hauptverband wird bei einer Ablehnung Vereine mit der Patientenversorgung beauftragen, sagt Abteilungsleiter Peter Scholz. Bei einem Vertragsabschluss werde man sich bemühen, bezahlte Ausbildungsstellen in psychiatrischen Einrichtungen zu schaffen. Für all jene, die zur "Nachjustierung" kommen müssen.


In der Doppelmühle
Kommentar von Martina Salomon
Der Standard, 19.10.99, S. 38

Den Psychotherapeuten geht es derzeit wie der ÖVP: Wählen sie die eine Option, laufen sie Gefahr, in Schönheit unterzugehen. Nehmen sie die andere, sind sie auf jeden Fall schwer beschädigt. Letztere ist die Annahme des Vertrages mit der Sozialversicherung. Der hat es nämlich in sich. Ein großer Teil der jetzt tätigen Therapeuten wird nicht als Kassenvertragstherapeuten arbeiten dürfen, selbst wenn sie den aufwendigen Bestimmungen des Psychotherapiegesetzes entsprechen, das mehr als 1000 Stunden Theorie und mehr als 2000 Stunden Praxis vorschreibt. Um der Kasse zu genügen, müssten selbst jahrzehntelang praktizierende Therapeuten sozusagen zurück auf die Schulbank - und beispielsweise monatelang in einem psychiatrischen Spital arbeiten. Und das wahrscheinlich gratis, denn Jobs als voll angestellte Psychotherapeuten, wie von den Kassen gefordert, gibt es in Krankenhäusern kaum. Dafür kann, wer will, dort als Pfleger werken. Denn das wird anerkannt.

Aber auch für Patienten hat der Vertrag unangenehme Nebenwirkungen. Bedeutet er doch, dass sie in Zukunft nicht einmal mehr die bisher üblichen 300 (von 800 bis 1200) Schilling für ihre Therapiestunde von der Kasse zurückbekommen werden. Nämlich dann, wenn der Behandler den Kriterien der Kassen nicht entspricht. Doch man wechselt seinen Psychotherapeuten nicht wie ein Sakko. Gerade in diesem Bereich ist das Vertrauensverhältnis von größter Bedeutung für den Behandlungserfolg.

Laut einer Erhebung des Bundesinstituts für Gesundheitswesen benötigen bis zu fünf Prozent der heimischen Bevölkerung psychotherapeutische Hilfe. Manche Schätzungen gehen noch deutlich darüber hinaus. Aber nicht einmal ein Prozent der Österreicher leistet sich eine derartige Hilfe. Viele Kranke sitzen stattdessen in den Praxen von Allgemeinmedizinern. Deshalb wird von den Psychotherapeuten seit Jahren auf die "Rentabilität" ihrer Behandlung hingewiesen.

Was aber wäre, wenn - wie es derzeit aussieht - die Therapeuten dem Vertrag Ende November nicht zustimmen? Für diesen Fall hat die Sozialversicherung mehrere Trümpfe in der Hand. Erstens kann sie diese Behandlung dann einer Berufsgruppe zuschieben, die trotz gegenseitiger Abneigung kalkulierbarer erscheint: den Ärzten. Zweitens wird man Vereine mit der Versorgung beauftragen, denen man noch leichter Bedingungen diktieren kann als einer höchst inhomogenen Berufsgruppe. Und drittens wird man den Therapeuten Chaotentum und Fraktionierung vorwerfen, weil sie trotz des Verhandlungsmandats ihrer Standesvertretung nie den jeweiligen Gesprächsergebnissen zugestimmt haben.
Die Lage ist mehr als misslich: Ein Kassenvertrag mit den Psychotherapeuten wäre ein großer Fortschritt für die Patienten. Doch die Kriterien sind so strikt, dass sich das Ganze als Bumerang für alle Beteiligten entpuppen könnte. Nicht nur die Großparteien befinden sich zur Zeit in einer Doppelmühle.


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