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Univ.Prof. Dr. Jürgen Kriz
Gutachterliche Stellungnahme Über "Gestalttheoretische Psychotherapie" |
Gestalttheoretische Psychotherapie ist als eine spezifische therapeutische
Richtung innerhalb der Schule der Gestalttherapie zu verstehen. Sie zeichnet
sich wissenschaftstheoretisch insbesondere dadurch aus, daß sie bewusst in enger
Verbindung zur (wissenschaftlichen) Gestaltpsychologie ihre therapeutische Methodologie
und Praxeologie ausgearbeitet, erforscht und evaluiert sowie weiterentwickelt
hat.
Ähnlich wie die Gestalttheorie heute im Rahmen der interdisziplinären Systemtheorie an den Universitäten eine Renaissance erlebt - wobei alte gestaltpsychologische Prinzipien nun auch mit modernsten Ergebnissen der Naturwissenschaften und medizinischen Forschung stärker in einen strukturellen Gesamtkomplex eingebracht werden können, als dies noch vor einem halben Jahrhundert auf dem damaligen Stand der Naturwissenschaft möglich schien - lassen sich auch für die gestalttheoretische psychotherapeutische Praxeologie wissenschaftlich fundiert die komplexen Interaktionsprozesse zwischen somatischen, psychosomatischen und psychischen (Teil-) Aspekte im Einklang mit inzwischen Nobelpreis-gewürdigten Erkenntnissen moderner Naturwissenschaften begründen und weiterentwickeln.
Es ist hierbei aus meiner Sicht ein besonderer Vorteil der Gestalttheoretischen Psychotherapie, sich nicht auf bestimmte Methoden festgelegt und sich daran definiert zu haben, sondern an dem erkenntnistheoretischen und forschungsmethodologischen Programm der Gestalttheorie (und heute auch: Systemtheorie) ausgerichtet zu haben - wobei die konkrete Methodik immer entsprechend dem neuesten Erkenntnisstand der psychologischen und medizinischen Forschung (und der ihnen zugrundeliegenden Disziplinen wie Physik, Chemie, Biophysik, Biologie etc.) fortgeschrieben werden kann. Ohne einem Eklektizismus zu verfallen, kann daher die Gestalttheoretische Psychotherapie sowohl von dem speziellen methodischen Psychotherapie-Inventar profitieren, das in anderen Richtungen der Gestalttherapie mit langer Tradition und in Übereinstimmung zu tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie-Konzepten entwickelt wurde, als eben auch kommunikationstheoretische, wahrnehmungs- und kognitionspsychologische Erkenntnisse und "Techniken" integrieren, wie sie im Rahmen der systemischen Therapie (zu Unrecht meist nur als "Familientherapie" in der Praxis bekannt) entwickelt wurden, aber teilweise auf die lange Tradition gestaltpsychologischer (bzw. im angelsächsischen Raum auch: "organismischer") Forschung zurückgehen.
Die Gestalttheoretische Psychotherapie hat damit im Rahmen der Gestalttherapie durchaus ein eigenes Profil. Dies ist nicht als ein prinzipieller Gegensatz zu verstehen - sondern eher als eine spezifische Ausarbeitung bestimmter Aspekte unter stärkerer Fokussierung gestalttheoretischer und systemwissenschaftlicher Erkenntnisse und Traditionen (einschließlich der damit verbundenen epistemeologischen Grundfragen, die für die Gestalttheorie kurz als "kritischer Realismus" gekennzeichnet werden können).
Gerade in ihren führenden Publikationen - einerseits den psychotherapeutischen Beiträgen in der "Gestalt Theory" sowie etwa in H.-J. WALTERs "Gestalttheorie und Psychotherapie" - dokumentiert die Gestalttheoretische Psychotherapie ihre enge Verbindung zwischen psychotherapeutischer Methodik und allgemeinpsychologischer (um nicht zu sagen: -wissenschaftlicher) Grundlagendiskussion. Es sei darauf hingewiesen, daß die "Gestalt Theory" nicht nur einen internationalen "Advisory Board" hat und sich als "International Multidisciplinary Journal" versteht (und das übrigens seit weit mehr als einem Jahrzehnt), sondern tatsächlich auch internationale Beachtung findet, was sich auch förderlich auf die Diskussion der psychotherapeutischen Konzepte auswirkt.
Die "Gestalttheoretische Psychotherapie" erfüllt somit (im Gesamtrahmen der Gestalttherapie) alle üblichen Kriterien für die Anerkennung einer methodenspezifischen Ausrichtung von wissenschaftlich begründeter Psychotherapie - wie sie beispielsweise auch im österreichischen Psychotherapiebeirat formuliert und präzisiert worden sind .
Osnabrück, den 30. Juni 1992