Sektion Psychotherapie der

Gesellschaft für Gestalttheorie und ihre Anwendungen (GTA)

SOCIETY FOR GESTALT THEORY AND ITS APPLICATIONS (GTA)

Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Gestalttheoretische Psychotherapie (DAGP/GTA)
Österreichische Arbeitsgemeinschaft für Gestalttheoretische Psychotherapie (ÖAGP/GTA)

 

Dieter Zabransky und Marianne Soff

Einführung in die Grundlagen Gestalttheoretischer Psychotherapie

© Dieter Zabransky und Marianne Soff, 1998


Gestalttheoretische Grundlagen

Der Gestaltbegriff

Den Begriff "Gestalt" führte Christian v. EHRENFELS im Jahre 1890 in seinem Artikel "Über Gestaltqualitäten" erstmals in die Psychologie ein. Anhand des Beispiels der melodischen Gestalt" erläutert er das Gestaltprinzip, welches das Verhältnis zwischen einem Ganzen und seinen Teilen charakterisiert: So ist die Melodie - als ganzheitliches Phänomen - nicht aus der Summe ihrer Teile erklärbar. Die melodische Gestalt tritt neben den einzelnen Tönen als eigene neue Qualität hinzu und bleibt auch dann erkennbar, wenn die Melodie als Ganzes in eine andere Tonart transportiert worden ist, selbst wenn kein einziger Ton der alten Melodie in der neuen enthalten ist (Kennzeichen der “Transponierbarkeit"). Daraus schließt er:

"Komplexe psychologische Wahrnehmungen und Erlebnisse besitzen Eigenschaften, die nicht aus der Funktion der Teile her erklärbar sind" (EHRENFELS, 1890).

Dies wurde als Kennzeichen der "Übersummativität" bezeichnet.

Eine Gestalt zeichnet sich dadurch aus, daß sie sich von ihrem Hintergrund, Kontext bzw. Bezugssystem als mehr oder weniger geschlossenes, in sich gegliedertes Ganzes abhebt (Ausgliederung, Binnengliederung und Zentrierung von Gestalten); der Hintergrund wird dabei zumeist nicht bewußt. WERTHEIMER konnte zeigen, daß Ganzheitseigenschaften nicht nur einfach zu den Teilen hinzukommen, sondern daß zwischen dem Ganzen und seinen Teilen Wechselwirkungen bestehen. "Das Ganze ist etwas anderes als die Summe seiner Teile" (METZGER, 1975). Ändert man einen Teil oder eine Eigenschaft eines Ganzen, so können sich dadurch auch andere, nicht unmittelbar betroffene Teile oder auch die Eigenschaften des Ganzen ändern. Andererseits können Teile eines Ganzen Eigenschaften annehmen, die sie nur als Teil dieses Ganzen haben (z.B. Funktionen, Rollen), die nicht mehr vorhanden sind, wenn die Teile als vom Ganzen isolierte Einzelsachverhalte untersucht werden (RAUSCH, 1967).

Im gestalttheoretischen Ansatz wird von der Selbstorganisation des Erlebens in sinnvolle Gestalten ausgegangen. Das Phänomen der Gestaltbildung ist uns im Bereich der Wahrnehmung am vertrautesten, wenn wir - wie im einfachen Fall der Ausgliederung von Gestalten - an die Wahrnehmung einer Melodie (akustische Gestalt) oder einer menschlichen Figur (optische Gestalt) denken. Wahrnehmungsgegenstände stellen aus dieser Sicht keine passiven Abbilder physikalischer Körper dar, sondern sie sind Gestalten, welche durch Ordnungstendenzen organisiert werden. Neben Wahrnehmungsphänomenen stellen alle Erlebnisvorgänge Gestaltphänomene im gestalttheoretischen Sinn dar: also Gefühle, Vorstellungen, Gedächtnisphänomene, Denkverläufe, intuitive Vorgänge, Phantasien und Träume, der Ablauf von Willenshandlungen ebenso wie das Erleben motorischer Bewegungen (vgl. u.a. THOLEY 1980a, WALTER 1985b).

METZGER unterscheidet drei Arten von Gestalteigenschaften: die Wesenseigenschaften, die umfassende Sachverhalte wie etwa den Ausdruck eines Phänomens darstellen, wie z. B. die Feierlichkeit einer Melodie, die bedrückende Stimmung in einer Gruppe; die Materialeigenschaften, wie z. B. Helligkeit oder Farbe; und schließlich die Struktureigenschaften, die Anordnung, Aufbau und Veränderung von Phänomenen betreffen, z. B. Regelmäßigkeit eines Musters, Zunahme oder Abnahme von Lautstärke oder Geschwindigkeit (METZGER 1954, 1975a). Im Rahmen gestaltpsychologischen Vorgehens in Forschung und Anwendung ist der Weg "von oben nach unten" zu gehen: von den Wesenseigenschaften einer Person und ihrer (erlebten) Umwelt zu ihren Strukturmerkmalen, und nicht umgekehrt wie oft in Persönlichkeitsforschung und Diagnostik üblich. 9


Fußnoten:

9 vgl. auch Kap. 3.3.: "Das Menschenbild der Gestalttheorie" ->zurück zum Text


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